Wir haben ja keine Ahnung

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Eines Nachts kamen ein Freund und ich auf eine schöne Idee: Wir wollten die Sterne möglichst klar mit bloßen Augen sehen können. Das ist nicht einfach, wenn man sich in einer Stadt befindet, weil von allen Richtungen störendes helles Licht einfällt. Also sind wir zum äußersten Rand der Stadt gefahren, bis wir ein riesiges Feld fanden. Ich steuerte das Auto bis ungefähr in die Mitte des Feldes, wo wir praktischerweise einen kleinen Platz mit einer Parkbank vorfanden. Es war so dunkel wie es in dieser relativen Nähe zu einer Stadt nur sein kann; wir konnten uns gegenseitig nur dadurch erkennen, dass unsere Silhuetten sich dunkel gegen den schmalen hellen Streifen am Horizont abhoben, in dem sich der ganze Glanz der Stadt versteckt hatte.

So der Dunkelheit ausgesetzt, sprachen wir unwillkürlich leiser, denn alle Geräusche erschienen plötzlich lauter zu sein. Es war recht warm für eine Nacht, aber ein träger, erfrischender Wind wehte angenehm um uns herum. Vom Auto her hörten wir noch einige Knackgeräusche, während sich das abkühlende Metall zusammenzog, und gedämpft drang das entfernte Rauschen der Autobahn in unsere Ohren. Über all dem lag die gigantische schwarze Schale des Himmels, gesprenkelt mit vielen winzigen, perfekt reinen Leuchtpunkten, eine Unendlichkeit, deren Größe man nicht im mindesten erfassen kann, selbst wenn man mehrfach den Blick von einer Seite des Himmels zur anderen schweifen lässt.

Eine Weile standen wir da und kamen uns klein vor. Dann wurden wir noch kleiner. Schnell war ein Satellit entdeckt, der sich bei seinem langen Weg über den Himmel als Stern zu tarnen versuchte. Doch seine Bewegung verriet hin; kaum erkennbar zunächst, kann man seine Bahn nur mit viel Geduld sehen. Dabei ist es weniger ein Sehen, so wie ich die Bewegung schneller Objekte sehen kann. Vielmehr merkte ich, dass sich der Abstand des Satelliten zu anderen Himmelsobjekten ganz langsam veränderte. So, als könnte man diese langsame Bewegung spüren und nicht sehen. Man darf ihn nicht direkt anblicken, weil das Auge dem Satelliten ansonsten instinktiv folgt, ohne dass man es bewusst bemerkt. Legt man jedoch die Umgebung des kleinen leuchtenden Punkts, mitsamt all der Dunkelheit um ihn herum, in seine Aufmerksamkeit und wartet mit ruhigem Blick, ergibt sich ganz allmählich dieser kleine Zauber, dass man die unwahrscheinlich langsame Bewegung wahrnehmen kann. Es ist schwer, dies nicht für eine Illusion zu halten.

Wer würde glauben, dass man auf ähnliche Weise die Drehung der Erde wahrnehmen kann? Es ist möglich, aber nur mit etwas Übung und viel Ruhe. Das Himmelsgerüst als Ganzes scheint still zu stehen, aber durch die Drehung der Erde bewegt es sich ganz langsam. Diese Rotation ist am äußersten Rande dessen, was man mit größter Ruhe überhaupt noch bemerken kann. Als mir bewußt wurde, dass ich die Erddrehung wahrnehmen konnte, änderte sich plötzlich etwas an meinem Raumgefühl. Der Boden, auf dem ich stand, wirkte nicht mehr so fest und sicher. Es ist eine Sache nur zu wissen, mit dem Verstand zu erfassen, dass man sich auf einer riesigen Kugel befindet, die sich ständig dreht und irgendwo im Nichts hängt, unablässig fallend, und eine ganz andere Sache, dies auch mit seinen Sinnen zu erfassen und bis in die Knochen zu spüren. Nichts anderes hat mir je so sehr den Eindruck vermittelt, winzig klein zu sein, ein Staubkorn im Kosmos, von vernachlässigbarer räumlicher und zeitlicher Ausdehnung.

Genau so leicht fällt es zunächst, die Aussagen der Astrophysiker anzunehmen, wenn sie von Galaxien und Galaxiengruppen berichten, von schwarzen Löchern, dem Urknall und den vierzehn Milliarden Jahren, die das Universum schon auf dem Buckel hat. Aber wer macht sich schon bewusst, dass diese Dinge wirklich, wirklich da sind, dass es diese enormen Distanzen wirklich gibt? Es besteht das Risiko, dass man sich selbst winzig und unbedeutend vorkommt, in Anbetracht der umgebenden Unendlichkeit. Jeder will etwas besonderes sein, einmalig und wundervoll. Wie soll das möglich sein, wenn wir nur Staubteilchen sind? Wenn selbst die ganze Erde, mitsamt der Menschheit nur wie ein Wassermolekül im gewaltigen Sternenozean ist?

Das Klein-Sein kann man ja noch schönreden. Man könnte sagen, es komme nicht auf die räumliche Ausdehnung an, sondern darauf, ob man lebe und was man tue. Eine Argumentation von dieser Art finde ich an sich schon sehr kritikwürdig, aber was, wenn wir uns Gedanken über unsere zeitliche Ausdehnung machen? Das ist ein Thema, auf das ich in letzter Zeit laufend komme, wenn ich mit Freunden und Bekannten diskutiere. Jeder einzelne Tod im Bekanntenkreis ist ein schlimmes Ereignis, das alle Angehörigen und viele mehr für lange Zeit aus der Bahn wirft. Andererseits ist es jedem klar, dass der Tod jedes Menschen unvermeidbar ist und innerhalb eines begrenzten Zeitraums auf jeden Fall stattfinden muss. Dennoch sind wir erst dann traurig, wenn ein Mensch stirbt und nicht schon vorher, obwohl der Tod seit der Geburt eine fest stehende Tatsache ist.

Vielleicht kommt es so, dass wir nicht sehr oft darüber traurig sind, dass wir selbst nur vorübergehend leben. Diesbezüglich ist Lügen unmöglich. Viele Menschen versuchen daran zu glauben, dass die ihnen lieben Verstorbenen an einem anderen Ort in Ewigkeit weiter leben und auf ein Wiedersehen nach dem Tode warten. Ich für meinen Teil kann nicht annehmen, dass jemand dies wirklich fest glaubt, der Verstorbenen nachtrauert. Das ist aber, so weit ich das bisher feststellen konnte, der Regelfall. Der Tod löst Trauer aus, und das liegt daran, dass er als endgültig wahrgenommen wird.

Ich habe mich schon einmal darüber ausgelassen, dass wir von der Prägung unserer Kultur und Tradition gesteuert sind, wenn wir Vorstellungen und Urteile wie diese entwickeln. Egal ob Christ oder Atheist, es entspricht der langen Tradition unserer Gesellschaft, auf die Ewigkeit und die Perfektion ausgerichtet zu sein. Das klingt großspurig und so, als habe es nicht viel mit einem zu tun. Aber jeder sollte sich fragen: "Wenn ich etwas Leckeres esse, wünsche ich mir dann nicht tief in mir drin, ich könnte diese Empfindung des Leckeren für immer haben? Wenn ich einen schönen Sonnenaufgang sehe und mich darüber freue, würde ich mir dann nicht wünschen, mich immer so zu freuen?"

Mir fehlt das Abschiednehmen von den schönen Dingen. Mein Empfinden hat sich insofern geändert, dass ich schöne Dinge nicht mehr so sehr festhalten will. Die Endlichkeit gehört für mich dazu. Alles entsteht und vergeht. Besser gesagt, alles verändert sich, geht ineinander über. Und diese Veränderungen geschehen nicht total zufällig, sondern nach gewissen Regelmäßigkeiten, die man beobachten und nachvollziehen kann. Dies hat man getan. So entstanden Ideen, Modelle, Vorhersagen, Weisheiten, die vom Vater an seinen Sohn weiter gegeben wurden, Lehren entstanden, schließlich Wissenschaften. Wir kennen heute ganze Kataloge von Regelmäßigkeiten, die sich in den Veränderungen der Welt um uns herum beobachten lassen. Denn nichts anderes sind die Naturgesetze.

Da sich alles laufend verändert, bedeutet dies auch, dass wir kaum etwas wieder erkennen würden, wenn wir für eine Weile eingefroren und dann wieder erweckt würden. Kleine Veränderungen türmen sich, werden zu großen Veränderungen, Paradigmenwechseln, Umstürzen, Revolutionen. Ein Mensch aus der Zeit vom Anbeginn der Zivilisation hätte von sich aus keine Möglichkeit, sich in der heutigen Welt zurecht zu finden. Uns würde es in der Zukunft nicht anders ergehen. Und würden wir etwa 12 Milliarden Jahre in die Zukunft reisen, so könnte es uns sehr erstaunen, wenn wir unvorbereitet wären, dass die Erde zu dieser Zeit nicht mehr existieren wird. Die Erde ist nicht ewig, sie ist nur eine vorüber gehende Erscheinung.

Noch absurder erscheint alles, wenn wir in die Vergangenheit gehen. Es ist nahezu sinnlos, sich anschauliche Gedanken über den Zustand des Universums vor etwa 14 Milliarden Jahren machen zu wollen, in der Zeit, als alles entstanden ist. Das Universum war zu dieser Zeit winzig klein, und Materie existierte nicht. Strahlung war nicht wirklich das, was wir uns heute unter Strahlung vorstellen, und die Zeit verlief auch nicht auf dieselbe uns gewohnte Weise. Obwohl Änderungen am Anfang der Zeit sehr schnell und kurzlebig waren, dauerte es verdammt lang, bis Materie in einer für uns erkennbaren Form vorhanden war und zwischen Ansammlungen von Materie genug nahezu leerer Raum war, dass unsere Vorstellungen von Raum und Orientierung Sinn machen. Und was ich jetzt "Materie" nenne, das waren dünne Wolken von Sternenstaub, in denen die Materie so spärlich verteilt war, dass wir sie mit unseren Sinnen kaum wahrnehmen könnten. Sehr langsam und allmählich verdichteten sie sich. Was anfangs noch einen harmlosen Eindruck gemacht haben mag, wurde schnell bedrohlich: Absurd gigantische Protosterne entstanden, sehr viel größer und heller als unsere Sonne, aber auch sehr viel kurzlebiger. Protosterne in unserer heutigen Milchstraße würden das Ende unsere schönen Galaxie bedeuten. Zum Glück haben die Protosterne ihre Energie sehr schnell verpulvert und so die Wiegen dessen geschaffen, was wir heute als Galaxien kennen. Weisse Zwerge katapultierten überschüssige Materie aus den frühen Galaxien und trugen so dazu bei, dass das Universum langsam eine Form anzunehmen begann, die uns bekannt vorkommen könnte. Dutzende von Jahren sind viel für uns. Hunderte von Jahren können wir nicht abwarten, weil dies die Lebenszeit eines Menschen überschreitet. Von Jahrtausenden haben wir nur historische, also abstrakte, Vorstellungen. Die Veränderungen, die das Universum seit dem Urknall erfahren hat, dauerten nicht Jahrzehntausende, nicht Jahrhunderttausende, nicht Jahrmillionen. Sterne sind entstanden und vergangen, Sonnensysteme formten sich - wie vieles von dem, was in den Jahrmilliarden geschehen ist, würde uns wohl erstaunlich vorkommen, wenn wir es wüssten? Was könnten wir alles erfahren an interessanten Dingen, wenn wir Mäuschen spielen könnten in der kosmischen Hexenküche?

Ich will darauf hinaus, dass es ein wundervoller, majestätischer, gigantischer Prozess war, der allen Versuchen der Beschreibung trotzt, und der dazu führte, dass aus winzigen Staubpartikeln größere, immer größere, wahnsinnig komplexe und ausgedehnte Objekte wurden. Auf der Oberfläche eines solchen Objekts sitzen nun einige Staubpartikel und denken über das Universum nach. Vor einer Weile, nach menschlichen Maßstäben, geschah etwas Wunderbares:

Wir Staubkörner haben damit begonnen, uns zum Rest des Universums zu begeben. Viele sehen das als einen Aufbruch in unbekannte Gewässer, aber es ist genau so sehr eine Rückkehr. Wir Staubkörner kehren zurück zu den Wolken aus Sternenstaub, aus denen wir, unser Planet, unsere Sonne, unser Sonnensystem, unsere Galaxie und überhaupt alles entstanden ist. Wir sind nicht in derselben Form hierher gekommen, nämlich als Menschen, in der wir zurück kehren werden. Aber das ist nichts Ungewöhnliches, denn wie bereits erwähnt, verändet sich alles, immerzu.

Wie können wir daher so merkwürdig veranlagt sein zu glauben, irgend etwas könnte ewig sein? Wie könnte man sich so gesehen ein schönes Erlebnis auf die Ewigkeit ausgedehnt wünschen? Da doch alles um das schöne Erlebnis herum sich verändern würde, wäre die Schönheit des Erlebnisses, die man in die Ewigkeit erhalten wollte, absolut bedeutungslos. So unpassend und bedeutungslos, wie ein Protostern in der heutigen Milchstraße wäre, so unpassend wie eine römische Latrine in einem McDonald's, so absurd wäre auch bald etwas Schönes von heute, wenn man es für ewig erhalten wollte. Alles, was wir mit schön, hässlich, erstrebenswert, unerstrebenswert und so weiter in Zusammenhang bringen, ergibt nur einen Sinn im aktuellen Zusammenhang. Alle Zusammenhänge verändern sich ständig und zwar immer krasser und absurder, je mehr Zeit vergeht. Daher ist die Endlichkeit in alles fest eingebaut, worauf wir wert legen können.

So denke ich weniger: "Ach, es ist so schön. Könnte es doch ewig so sein!", sondern eher: "Ach, das ist jetzt grade so schön. Mal sehen, was danach kommen wird!"

Es ist kein großer Schritt, dieselbe Denkweise auf die menschliche Sterblichkeit anzuwenden. Die Menschen, die ich mag, mag ich hier und jetzt, zur heutigen Zeit. Sie enden genau wie alles Schöne und Hässliche, wie alles. Für mich gilt dasselbe. Ich bin okay, so wie ich bin. Mal sehen, wer nach mir kommen wird. Kein Mensch kommt je wieder, und kein Moment kommt jemals zurück. Wenn ich mir vorstelle, was alles geschehen musste, damit ich hier sitzen und diesen Artikel schreiben kann - all die Milliarden Jahre, und diese unvorstellbaren Mengen an Materie, Energien und räumlichen Weiten, die Artenvielfalt der Evolution, all die Kriege, Erfindungen, all die Liebe, die Hoffnung, all das Werden und Vergehen - dann überwiegt das tief empfundene Gefühl der Ehrfurcht, und eine Art von Dankbarkeit dafür, dass ich für alle die, die nach mir kommen werden, Teil dieses phänomenalen, durch und durch wunderbaren Geschehens sein darf, das dazu führt, dass die Dinge genau so sind, wie sie sind. Was alles geschehen musste, damit die Dinge so sind, wie sie sind, darüber machen wir uns selten Gedanken. Wir haben ja keine Ahnung!

Selbst wenn es kein Leben im Universum gäbe und die biologische Evolution niemals stattgefunden hätte, wäre noch eine enorme Fülle des Erstaunlichen am Kosmos. Das Leben an sich erscheint mir in seiner Bedeutung etwas überbewertet im Vergleich zu den komplexen Prozessen, die Galaxien hervorbringen und über Hunderte oder sogar Zigtausende von Millarden Jahren stabil halten. Oberflächlich betrachtet wirken diese riesigen Dinge selbst wie Organismen, mit einem milliardenfach verlangsamten Stoffwechsel. Aber das ist nur eine oberflächliche Betrachtungsweise. Genauer betrachtet, scheinen mir diese Dinge etwas anderes als Leben zu sein, vielleicht etwas Größeres als Leben. Ich denke nicht, dass das Leben die einzig bemerkenswerte Form des Daseins ist. Es ist nur die einzige, die wir im Moment kennen und konkret verstehen können. Alles andere ist zu groß, so groß, dass wir es nur abstrakt erfassen können, mit Theorien, Berechnungen und Formeln. Wir werden wohl niemals ein wirklich durchdringendes, konkretes Verständnis dafür erlangen, was das Bemerkenswerte am Dasein der Galaxien und Galaxienhaufen ist.

Darum erscheint es mir auch nicht als besonders tragisch, dass das Leben selbst eines Tages aussterben wird. Keine Angst, das kann noch Tausende Milliarden Jahren dauern. Aber entweder das Universum wird eines späten Tages in sich zusammen fallen, oder es wird sich immer weiter ausdehnen und infolge dessen immer kälter werden, so lange bis kein Leben mehr möglich ist, weil sich kaum noch etwas im Universum bewegen wird. Das Leben selbst ist nur eine vorüber gehende Erscheinung, und es ist sicherlich nicht die einzig bemerkenswerte im Universum. Vielleicht liegt es an unserer sehr begrenzten Sichtweise als Menschen und an einem gewissen Hang zur Theatralik, dass wir dazu neigen, die Entstehung des Menschen als die tollste Sache im Universum anzusehen, die sich je ereignet hat. Ein wenig Bescheidenheit kann hier nicht schaden, zumal sich die Bescheidenheit in diesem Falle nicht negativ auswirken muss, sondern vielleicht sogar eher zu einer gelasseneren Haltung und einer zufriedeneren Existenz führen kann.

Wenn ich das Glück habe, in einer sternklaren Nacht draußen unterwegs zu sein, schaue ich immer wieder mit Begeisterung nach oben und versuche mir klar zu machen, dass diese Größen und Weiten da draußen wirklich existieren. Da oben sehe ich gleichzeitig unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, und mit jedem Blick dorthin wird mir deutlich: Es ist so viel geschehen, und noch so viel mehr wird geschehen, dass der Weg, den ich grade jetzt zurücklege, im Verhältnis dazu unbedeutend und vernachlässigbar ist. Alles, das mich umgibt, scheint mir in aller Eindringlichkeit zu dem Schluß zu deuten, dass ich hier bin, vorübergehend und winzig, um frei von vorgegebenen Plänen und ohne auferlegte Schicksale, jenseits einer fest geschriebenen Bestimmung, genau das zu tun, was ich jetzt grade tun will.

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