Keine Toleranz für Schwulenfeinde

Eigentlich sollte Homosexualität kein Thema mehr sein. Ich meine, es gab mal diese Zeit, in der man nur hinter vorgehaltener Hand von Schwulen geredet hat. Ich war damals zu klein, um mitzureden. Aber dass den Leuten das Thema irgendwie unangenehm war, habe ich damals schon bemerkt. Dann kamen die Komiker und griffen das Thema auf. Eine kurze Zeit lang waren Schwulenwitze forsch, frech und ein klein wenig unmoralisch. Dann wurden sie Usus, so dass sie langweilig wurden und die Komiker sich andere Themen zum Witzemachen suchten. Für mich war das damals ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft Schwule endlich als normale Mitglieder anerkannt hatte.

Jetzt will man in Uganda Homosexuelle hinrichten. Per Gesetz, also von staatlicher Seite aus. Die Anerkennung des Gesetzesentwurfs steht noch aus, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Staat Uganda ab Februar 2010 offiziell schwule Menschen hinrichten darf. Ist das nicht traurig?

Nicht, dass es sonderlich neu wäre. Aber es waren in jüngster Zeit meist islamisch dominierte Staaten, die sich das Abschlachten Homosexueller erlaubten. Uganda scheint den Beweis antreten zu wollen, dass auch ein Christenstaat dem in nichts nachstehen muss. Es sei die Moral der Einwohner, heisst es. Die Homosexualität der Ugander sei sowieso erst durch die Kolonialisierung gekommen, heisst es. Aber dass die aktuellen Anti-Homo-Gesetze noch von den Kolonialbesetzern stammen, wird dabei nicht erwähnt.

Vor kurzem sah ich dieses Interview auf YouTube (englisches Video, neues Fenster). Es macht mich ärgerlich, was für ein offenkundiges Schwein Richard Cohen ist, der behauptet, Schwule in Heten verwandeln zu können, und wie ekelhaft er das hinter seinem einstudiert freundlichem Lächeln versteckt. Wäre es nicht um die Moderatorin, die mit ihrer exzellenten journalistischen Vorgehensweise mein Vertrauen in den Journalismus wieder ein wenig aufgebaut hat, dann wäre das Interview einfach nur zum Kotzen. Ich empfehle jedem es zu schauen, weil einerseits Cohen völlig geschickt plattgemacht wird und man andererseits die Argumentationsweise eines Schwulenfeinds in Aktion erlebt.

Naja, das Interview hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich erinnerte mich an ein Gespräch, das ich mal mit jemandem aus dem peripheren Bekanntenkreis geführt habe. Der Gesprächspartner - sehr ur-christlich, konservativ, traditionell - sprach sich gegen Homosexualität aus. Da hielt ich natürlich dagegen. Leider war ich in einer schlechten taktischen Lage, denn ich wollte es verhindern, es mir mit dieser Person endgültig zu verscherzen. Darum war ich sozusagen zu nachlässig in meiner Argumentation. Jetzt, nachdem ich etwas mehr über das Thema nachgedacht habe, bereue ich das. Am liebsten würde ich die Zeit zurück drehen und Folgendes sagen (ungefähr in der Sprechweise von Georg Schramm, nur böser):

Was du da von dir gibst, ist nicht von gestern, sondern von vorgestern. Es ist menschenverachtend, und es ekelt mich an. Wie bist du nur zu diesem geistigen Totalschaden gekommen, Menschen dafür abzuwerten, dass sie Liebe suchen, genau wie du! Nur dass sie von Angehörigen des gleichen Geschlechts sexuell angesprochen werden, das ist der einzige Unterschied. Der einzige Unterschied! Der einzige Weg für Schwule, von dir als normale menschliche Wesen anerkannt zu werden, bestünde doch darin, dass sie sich verstellen und sich zwingen mit einem Partner des anderen Geschlechts zusammen zu leben, obwohl sie das abscheulich fänden. Wer bist du, Menschen so was vorzuschreiben? Hast du überhaupt nur den Funken einer Ahnung davon, was unsere Vorfahren alles durchmachen mussten, damit wir uns von Diktaturen und Diktaten befreien konnten? Wie kannst du es dir anmaßen, den Erfolg der Freiheit wieder rückgängig machen zu wollen? Und wieso bist du so abscheulich fixiert auf die sexuellen Vorlieben von Fremden?

Ich bin wütend auf mich, weil ich damals nicht den Arsch in der Hose hatte (haha!) das zu sagen. Ab heute will ich nicht mehr tolerant sein, wenn ich einem Schwulenfeind begegne. Das ist kein Spaß, sondern für die Betroffenen existenzieller Ernst. Durch Uganda und Cohen hat sich mein Ansehen von Schwulenfeinden geändert. Während ich sie früher als sozial dumm ansah und sie vielleicht sogar etwas bemitleidete, ekeln sie mich jetzt an. Die Argumente sind immer dieselben, und sie sind faul und stinken zehn Meilen gegen den Wind:

  • Ein schwules Paar könne keine Kinder erziehen, heisst es. Ein Kind brauche sowohl Vater als auch Mutter. WTF? Die Genitalien meiner Eltern waren mir als Kind völlig egal. Es geht nicht darum, wie die Eltern nackig aussehen, sondern es geht darum, was sie tun.
  • Die Bibel spreche sich gegen Schwule aus, heisst es. Hierzu: Zum Einen wird das Thema im neuen Testament nicht ein einziges Mal angerissen. Zum anderen sagt Gott im alten Testament, man solle Schwule töten. Wer so einen Gott anbetet, der verdient meine tiefste Verachtung. Aus ganzem Herzen. Dieses Pseudoargument mit der Bibel ist nur eine Ausrede.
  • Es heisst, dass Allah das männliche Genital nicht dafür geschaffen habe, in einen After eingeführt zu werden. Angeblich hätten Schwule deswegen andauernd Krankheiten, und die Ärzte berichten nichts davon, weil sie sich weltweit verabredet haben, dies zu verschleiern. Kein Witz, das wurde mir gegenüber als Argument vorgebracht, und zwar ganz im Ernst. Demnach hat Allah auch was gegen heterosexuellen Analsex, und was er sich gegen Lesben ausgedacht haben will, hat mir der entsprechende Gesprächspartner auch nicht gesagt. Spätestens bei der weltweiten Ärzteverschwörung ist das Argument als lächerlicher Vorwand entlarvt.
  • Es sei wider die Natur. Die Natur!

Die Natur! Ja, was soll das denn sein, die menschliche Natur? Tiere gleichen Geschlechts poppen doch überall miteinander rum, man muss nur mal hinschauen. Die Forschung will sogar herausgefunden haben, dass Homosexualität unter Tieren häufiger auftritt, je weniger Weibchen vorhanden sind. Das ist natürlich!

Was soll denn natürlich sein? Viele würden meinen, das sei der Mensch in seiner "natürlichen Umgebung". Also ohne seine Umwelt selbst zu verändern, und ohne Werkzeuge einzusetzen.

Überraschung: So einen Zustand hat es nie gegeben. Das ist nur ein romantisches Fantasiebild. Schon die Vorfahren des Homo Sapiens haben Werkzeuge gehabt. Schon der Neandertaler und seine Vorfahren haben in Zelten gelebt, die sie aus den Knochen und der Haut erlegter Mammuts angefertigt haben. Sie haben sogar teilweise Nutzpflanzen kultiviert und Tiere gehalten. Der Homo Sapiens hat also sofort bei der Entstehung der Spezies damit begonnen, weil er diese Kultur seiner Vorfahren übernommen hat. Er hat niemals in dem idealisierten naturwüchsigen Zustand gelebt. Wenn man also das unter "natürlich" versteht, dann gibt es gar keine Natürlichkeit für den Menschen. Und die Natürlichkeit unserer evolutionären Vorfahren kann man nicht einfach auf den Homo Sapiens beziehen, weil deren Organismus, deren Wahrnehmung, Sozialität und Kognition anders funktionierten als unsere.

Bezieht man aber die aktive Gestaltung und Veränderung der Umgebung mit in den Begriff der Natürlichkeit ein, und auch die Verwendung von Werkzeugen, wo landen wir denn dann? - Genau, bei der heutigen Welt. Die ist nämlich nur durch Benutzung von Werkzeugen und Veränderung der Umgebung entstanden. Es ist unmöglich, auf sinnvolle Weise eine begriffliche Trennlinie zwischen menschlicher Natürlichkeit und Unnatürlichkeit zu ziehen, die unsere heutigen Lebensumstände als unnatürlich brandmarkt. Das ist nicht nur eine Spitzfindigkeit, sondern einfach nur konsequentes Durchdenken und Hinterfragen. (Man sollte dies auch immer im Hinterkopf haben, wenn man mit pseudo-para-blabla-wissenschaftlichen Begriffen wie "natürliche Medikamente", "natürliche Aromastoffe" und diesem ganzen Mist zugeballert wird. Alles purer Nonsens!)

Was zeigt uns das? Auch die Behauptung, Homosexualität sei unnatürlich, ist nur ein Vorwand. Wer auch immer dies als Argument vorbringt, hat nicht wirklich darüber nachgedacht. Warum hat er nicht darüber nachgedacht? Weil er von der Voraussetzung ausgegangen ist, dass er Schwule nicht mögen will, und dieses Argument erschien bei oberflächlicher Betrachtung dazu zu dienen, so eine Ansicht zu unterstützen. Also besser nicht weiter drüber nachdenken; es wäre doch tragisch, wenn das Kartenhäuschen der so konstruierten Argumentation am Ende durch zu viel Nachdenken in sich zusammen fallen würde.

Deswegen sollte man meiner Meinung nach auch keine Skrupel davor haben, Schwulenhassern sehr deutlich und explizit zu begegnen. Man muss keine große Rücksicht auf deren Ansicht nehmen, weil sie keine Arbeit investiert haben, um ihre Argumente zu hinterfragen. Das sind keine Argumente und verdiente Meinungen, sondern rhetorisches Blabla, das sie einem kackdreist entgegenkotzen und dann auch noch dreist behaupten, dass es sich bei dieser Sülze um eine ernst zu nehmende Argumentation handele. Sie haben sich einfach nur einen Panzer aus Pseudoargumenten zurechtgezimmert, der beim kleinsten Windhauch eines vernünftigen Gedankens in sich zusammen fällt. Und sie sind in ihrem Denken von Anfang an durch den Wunsch geprägt gewesen, Schwule verachten zu dürfen. Das ist ekelhaft, und sie können sich über jeden Menschen freuen, der sie darauf aufmerksam macht. Das ist so, als würde man einen Kollegen darauf hinweisen, dass sein Hosenstall auf steht. Für den Moment ist es vielleicht ein wenig beschämend, aber am Ende erspart man ihm und allen anderen damit langfristig die größere Peinlichkeit.

Homos sind ganz normale Menschen, nicht besser oder schlechter als alle anderen auch. Sie nicht nicht unnatürlich, sind nicht per se schlechte Eltern oder verantwortungslos. Sie sind genau so liebenswürdig, achtenswürdig, menschlich und natürlich wie jeder andere auch. Die geballte Peinlichkeit der schwulenfeindlichen Hirnerkrankungen kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es in dieser Sache nur um einen einzigen winzigen Unterschied geht, der darin besteht, mit was für Menschen man seine Liebe in selbst gewählter Partnerschaft teilen möchte. Manche können nicht ruhen, ehe sie allen ihre persönliche Überzeugung aufgezwungen haben. Vernünftige Menschen hingegen halten ein erfülltes Sexualleben für reine Privatsache, in die sich einzumischen andere kein Recht haben.

Zum Schluss will ich eine in Vergessenheit geratene Sache wieder aufwärmen, nämlich den Schwulenwitz. Wie eingangs erwähnt dachte ich eigentlich, wir hätten sowas nicht mehr nötig. Aber jetzt denke ich, dass etwas Auflockerung nicht schaden kann:

Zwei Schwule teilen sich eine Wohnung. Der eine liegt in der Badewanne, als der andere mit einem Löffel ins Bad platzt. Er füllt den Löffel mit Wasser, sagt "tatütata" und geht wieder raus. Das wiederholt sich 10 Mal, bis der andere fragt, was er denn da mache. Sagt der: "Ach Schatzilein, wie soll ich's sagen? Die Küche brennt..."

Noch mehr Schwulenwitze gibt's übrigens hier (neues Fenster).

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